Sascha Merlin

Ich wollte immer singen, seitdem ich denken kann. Als Kind war ich – zusammen mit meinem Bruder – ein eifriger Zuschauer der ZDF-Hitparade, aber ich fragte mich schon damals, warum die Sänger dort die Aufmerksamkeit des Publikums nicht nutzten, um von wirklich wichtigen Dingen zu singen.

Eine Freundin, Nicole, die Tochter unserer Nachbarn, mit der wir damals alles unternahmen, spielte mir zum ersten Mal eine Platte von Alexandra vor – damals war ich sieben Jahre alt. Von da ab war ich von der Sängerin mit der traurigen und dunklen Stimme gefangen, ich kaufte meine erste Langspielplatte mit ihren Liedern von meinem ersten Taschengeld und kann heute noch alle ihre Lieder auswendig. Für meinen Bruder war ihre Musik zu traurig, er lief immer aus dem Zimmer, wenn sie erklang.

Als 14-Jähriger las ich in der Zeitung die Meldung zum Tode Jacques Brels und verliebte mich sofort in sein Gesicht. Ein Schulkamerad schenkte mir eine Platte mit seinen Liedern – schon damals mochte ich „Fernand“ und „Amsterdam“, ohne den Inhalt der Lieder zu verstehen. Ich lernte schnell Französisch am Institut Français – das erste Lied von Brel, was ich auswendig konnte, war „Amsterdam“. Ich sang es vor, als ich mich 1984 in Hamburg an der Hochschule bei einer Gesangs- und bei einer Sprechlehrerin vorstellte, die beide am Kontaktstudiengang für Popularmusik, Bereich Chanson unterrichteten. Ein Jahre später wurde ich in diesen Studiengang aufgenommen.

Doch ein Chansonsänger macht seinen Weg nicht über die Ausbildung, sondern über die Bühne. Durch einen Zufall – eine befreundete Pianistin hatte abgesagt – fand ich meinen ersten musikalischen Partner Marius Bading. Marius war Student für Kapellmeister an der Hamburger Hochschule und behandelte mich wie einen klassischen Sänger, also recht streng! Gemeinsam tingelten wir durch Hamburger Kleinkunstbühnen mit Liedern von Brel, Alexandra und mir. Unsere Programme hatten so vielsagende Titel wie „Der Traum von Fliegen“, „Lieder zwischen Traum und Wirklichkeit“ oder „Die Liebe und der Krieg“. Danach feierten wir jedes Mal die Nächte durch, als hätten wir soeben unser Début im Olympia gegeben – es war eine schöne Zeit. Als Marius 1992 im Alter von nur 33 Jahren starb, verlor ich nicht nur meinen künstlerischen Mentor, sondern auch einen meiner besten Freunde.

Der Höhepunkt meiner ersten sieben Jahre als Sänger war ein Radio-Konzert für den NDR, das im Januar 1990 im Hamburger ‚Mezzanotte‘ aufgezeichnet wurde. Dieses Konzert mit 250 Zuschauern war eine ‚Sternstunde‘, wie man sie leider selten erlebt. Witzig ist, daß man sich dessen in dem Moment genau bewußt ist! Ein Freund sagte zu mir „Mensch, Du bist ja sogar in der Hörzu“ ‘als Hörfunk-Tip!‘ Fernsehstationen wie der NDR, SAT1 oder RTL+ riefen bei mir an, um Portraits zu machen. Für einen Moment lang war ich der Liebling der Stadt. Klar, ich dachte, jetzt geht es los – das Leben beginnt.

Nichts begann. Nach einem ereignislosen Sommer, in dem ich erfolglos versucht hatte, Auftritte in anderen Städten zu bekommen, fand ich mich Ende des Jahres wieder in einem Club vor zwanzig Zuschauern mit einem Elektro-Klavier – zehn dieser Anwesenden kannte ich persönlich. Harte Landung nach kometenhaften Start! Es folgten zwar noch ein paar erfolgreichere Konzerte, doch mein Selbstbewußtsein war angeknackst.

Ich suchte Zuflucht. Der Sender „Klassik Radio“ entstand gerade und eh‘ ich mich versah, gehörte ich zu den populären Stimmen dieses Senders, verdiente also Geld mit meiner Stimme, wenn auch nicht als Sänger. Ich dachte, ok, erstmal Radio, eine Pause, und dann versuchen wir es wieder neu. Aus der Pause wurden sieben Jahre. Ich wollte meine Ziele neu bewerten – ich wollte nicht mehr in den immerselben kleinen Clubs auftreten, ich wollte auf die größeren Bühnen, doch die zögerten, uns zu engagieren. Ich hab‘ alles Mögliche versucht – einen Schallplattenvertrag mit meinen eigenen Liedern zu bekommen, auch bei Sony, wo Patricia Kaas unter Vertrag stand, die gerade sehr erfolgreich war. Ich hab‘ Pop-Titel aufgenommen und verschickt – 1995 gründete ich meine eigene Band – das Merlin Band Project, das sich leider bald wieder im Winde zertstreute. Ich schrieb einen Titel für den Grand Prix: „Ikarus“.

Meine Pause dauerte sieben Jahre, und wer am meisten unter ihr litt, war ich selbst. Immer, wenn ich den Funktionen vorgestellt wurde, in denen ich mein Geld verdiente, wollte ich sagen: „Aber, nein, eigentlich bin ich Merlin, der Sänger!“

1997 passierten zwei Dinge: ich wurde gefragt, Lied-Texte zu schreiben für André Eisermann, und ich traf meinen neuen musikalischen Partner Kersten Kenan. Der Eisermann-Abend wurde ein Erfolg und brachte meinen Namen wieder zurück in die Zeitungen, ich war zwar noch nicht wieder Merlin, der Sänger, aber immerhin Merlin, der Songschreiber. Mit Kersten probte ich einigermaßen ziellos, aber glücklich, bis Kerstens Vater sagte „So, Jungs, jetzt müßt ihr raus!“ Ich wußte, er hatte Recht.

In der ‚Opera stabile’– der Studiobühne der Hamburgischen Staatsoper – fanden wir ein Forum, wie es für einen Wiederanfang nicht besser hätte sein können. Jiri Bubenícek, Erster Solist beim Hamburg Ballett, schuf seine erste Choreographie zu Edith Piafs “La Foule” – wieviel Glück kann ein Mensch haben! Jiri war es auch, der mich wesentlich zu Singen ermutigte, nachdem er eine CD meines NDR-Konzertes gehört hatte. Und Mut braucht man für einen Wiederanfang!

Mut und Glück. Dank der Unterstützung der Medien war Merlins Wiederauferstehung als Sänger – nach sieben Jahren: wie der Phönix aus der Asche! – an zwei Abenden restlos ausverkauft und Zusatzkonzerte mußten angesetzt werden – es war wie im Traum!

Wieder ein Sommer des Wartens – und der Zweifel. Sollte ich noch einmal alles auf eine Karte setzen? Das Zeichen kam von oben: nach einem unliebsamen Zwischenfall kündigte ich meine Stellung beim Hamburg Ballett, ohne daß wir ein einziges Konzertangebot gehabt hätten. Als Antwort kam der erste Ruf nach München im Herbst 1999 – und seither sind wir unterwegs als fahrende Künstler.

Es ist nicht leicht, seine Träume zu leben – aber viel verhängnisvoller ist es, sie nicht zu leben. Wenn man sich auf den Weg macht, bekommt man Unterstützung von außen, aber es gibt natürlich die langen Zeiten, wo man wartet und nichts passiert oder alles schief geht. Das Schiff kann ganz schön wackeln auf offener See! Singen ist mein Leben. Ich singe, wenn ich glücklich bin, ich singe, wenn ich traurig bin, wenn ich liebe, wenn die Seele blutet – wie ich atme, lache, weine, äußert sich so meine Seele. Ein Leben ohne zu singen ist für mich nicht vorstellbar – ich hab’s versucht!